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CISV Camp Hurdal 1966 und die Folgen


Die einzigartige Geschichte einer 50-jährigen Freundschaft

CISV – Camp Hurdal/Norwegen 1966 und die Folgen


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Als 11-jähriger Junge verlebte ich im Sommer 1966 zusammen mit Corinna, Amelie, Horst und unserem Begleiter Erhard herrliche vier Wochen im CISV-Camp in Hurdal, ca. 80 km nördlich von Oslo. Wir waren 32 Kinder aus acht Nationen, je 2 Mädchen und 2 Jungen aus Indien, Kanada, USA, Guatemala, Finnland, Norwegen, Österreich und Deutschland, die mit einer erwachsenen Begleiterin oder Begleiter zusammen spielten, sangen, schwammen, wanderten und vor allem: sich und völlig fremde und andere Kulturen kennenlernten. Herausragende und unvergessliche Erlebnisse waren sicherlich auch die Abende, an denen die Kinder eines Landes in ihrer Nationaltracht auftraten und Lieder sangen; es gab auch entsprechende Speisen.

Am letzten Abend hörten wir Weinen aus dem Mädchentrakt. Die Mädchen weinten, wie uns berichtet wurde, darin, dass wir uns nun wohl nie mehr wiedersehen würden. Wir Jungen fanden das an diesem Abend noch nicht so traurig, das kam erst am nächsten Morgen bei der Abfahrt.

Und wie es so ist im Leben: Anfangs schrieben wir uns hin und wieder, wir deutschen Kinder trafen uns auch noch einmal im Herbst desselben Jahres in Hamburg, zu Weihnachten kamen Grußkarten aus fernen Ländern. Im Frühjahr des nächsten Jahres starb mein Vater, wir zogen nach Süddeutschland, die unbeschwerte Jugendzeit war erst einmal vorbei. Meine Mutter sagte aus Geldmangel: Lass das mal mit dem teuren Briefporto nach Amerika! Und so wurden die Kontakte immer spärlicher und hörten schließlich auf. Viele Jahre und Jahrzehnte gingen ins Land, ganz, ganz selten dachte ich noch an die Kindertage in Hurdal. Ich studierte und wurde Archäologe.

Jahrzehnte vergingen. Am Sonntag, dem 9. März 2008 feierte meine an Alzheimer erkrankte Mutter ihren 80. Geburtstag. Ich überlegte mir als Sohn eine kurze Rede, in die ich nicht einen Dank für Alles packen wollte. Aber was sollte ich als Besonderes sagen? Da fiel mir spontan wieder CISV ein. Und so erzählte ich, dass sie mir und ein Jahr später meiner Schwester einen Ferienaufenthalt in einem CISV-Camp ermöglicht hatte. Dort erstmalig kennengelernte internationale Kontakte spielten in meinem Berufsleben als Archäologe inzwischen eine große Rolle und dafür sei ich ihr sehr dankbar.

Am anschließenden Montagmorgen, dem 10. März, schaltete ich im Museum meinen Computer an und sichtete meine e-mails. Eine Mail war von einem Inder, die ich gerade als Spam löschen wollte, als ich unter Betreff „Hurdal 1966“ las. Ich öffnete die englische Mail mit folgendem Inhalt, hier knapp übersetzt: „Wenn Du der Hoyer. v. P. bist, der mit uns im CISV-Camp Hurdal 1966 warst, würden wir uns über eine Antwort freuen. Wenn Du es nicht bist, melden wir uns nicht mehr.“ Natürlich schrieb ich sofort zurück, nannte meine Tel.-Nr. und Adresse. Innerhalb der nächsten Monate erhielt und schrieb ich zahlreiche Mails der ehemaligen „Kinder“, so auch von dem deutschen „Jungen“ Horst. Mit dem nahm ich sofort Kontakt auf, besuchte ihn auch in Brüssel. Wir verstanden uns auf Anhieb. Was aber fehlte, waren Kontakte zu den ehemaligen Mädchen, von denen viele längst geheiratet hatten und deswegen übers Internet für uns nicht mehr erreichbar waren.

Als meine Frau und ich im August 2011 nach Kanada flogen, mailte ich an zwei der „Hurdal-Kinder“ dort, von denen ich inzwischen auch die Adressen hatte. So traf ich nach 45 Jahren erstmalig Debbie und Bruce wieder. Und auch hier dasselbe Erlebnis: wir waren uns keine Sekunde lang fremd, sondern verstanden uns von der ersten Sekunde an. Das war insofern erstaunlich, da ich erstmals mit ihnen sprechen konnte. Denn als 11-Jähriger hatte ich in der Schule Latein gehabt, aber kein Englisch. Debbie erkannte ich sofort an ihrem Lachen, das ich irgendwie noch im Ohr hatte.

Im Sommer des letzten Jahres flogen meine Frau und ich nach Helsinki, wo wir  einen der finnischen Jungen, Lassi, und seine Frau trafen. Und wieder war es das Treffen alter Freunde, nicht fremder Menschen, die sich erst mal „beschnuppern“ mussten. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend  Lassi, verheiratet und jüngst Großvater geworden, fragte mich beim Abschied: Weißt Du was von Corinna (einem der deutschen Mädchen)? Ich sagte ihm, dass Horst und ich von den deutschen Mädchen nichts wüssten, da beide wohl ihren Nachnamen geändert hatten. Lassi sagte daraufhin: „ Hoyer, finde mir Corinna, die mochte ich damals doch so gern.“

Wir flogen zurück nach Hause. Dort fand ich in meiner alten CISV-Mappe eine Liste mit den alten Adressen aus der Zeit des Camps. Als ich die Liste meiner Frau zeigte, sagte sie mir, die damalige Adresse von Corinna in Blankenese läge fußläufig entfernt von dem Alzheimerheim, in dem meine Mutter lebt. Das brachte mich auf eine ungewöhnliche Idee. Ich fliege alle zwei Monate zu meiner Mutter nach Hamburg, morgens hin und abends zurück. Und so beschloss ich, vor meinem nächsten Besuch im Juli 2015 die alte Adresse Süllbergsterrasse aufzusuchen und nach Corinna zu forschen. Das Haus fand ich dank Google Map schnell. Ich klingelte an der Haustür, ein junger Mann machte auf. Ich erzählte ihm, wer ich sei und dass ich die vor 49 Jahren in diesem Haus lebende Corinna B. suche, mit der ich damals in einem Kindercamp gewesen wäre. Der junge Mann konnte damit nicht viel anfangen, er wohne mit seinen Eltern erst seit 6 Jahren in dem Haus, die Eltern seien aber nicht da. Ich gab ihm meine Visitenkarte und bat, dass seine Eltern mich doch bitte anrufen sollten, wenn sie mehr wüßten.

Mit diesen Worten wandte ich mich zurück zur Straße, auf der mir ein Paar mittleren Alters entgegenkam, die einem anderen Nachbarn zuwinkten. Ich sprach sie an, ob sie in dieser Straße wohnten und ob ihnen der Name Corinna B. etwas sagen würde, die hier vor vielen Jahren gelebt habe. Sie wohnten zwar hier, aber der Name sage ihnen nichts. Ich solle doch mal an die Elbe hinuntergehen, wo im Restaurant „Zum Bäcker“ der alte Manni sei. Der lebe hier schon ewig und kenne annähernd jeden in der Gegend.

Also stieg ich zur Elbe hinunter und fand auch gleich dieses Restaurant, wo ein junger Kellner mich freundlich begrüßte. Den fragte ich nach Herrn Manni. Im typischen Hamburger Slang mit dem spitzen S antwortete der junge Kellner: „Der Manni? Der ist auf Segeltörn, kommen Sie doch heute Abend vorbei, da treffen Sie ihn bestimmt.“ Auf meinen Einwand hin, heute Abend sei ich bereits wieder in Bonn, gab er mir die Karte des Restaurants mit der Tel.-Nr. So war ich zwar ein Stück weitergekommen, hatte aber das Gefühl, das das noch nicht reichte. Es zog mich noch einmal zur Süllbergsterrasse hin – also stieg ich noch einmal nach oben und klingelte wahllos an einer Haustür, drei Häuser von Corinnas ehemaliger Adresse entfernt. Dort öffnete ein Mann in meinem Alter. Fast hätte ich gesagt: Gut, dass Sie schon so alt sind! Stattdessen sagte ich diplomatisch geschickter mein Sprüchlein auf und fragte nach Corinna.“ Da können wir Ihnen leider nicht weiterhelfen, wir wohnen nämlich erst seit 30 Jahren hier“ lautete seine Antwort. In diesem Moment kam seine Frau dazu, die seine Aussage bestätigte, aber dann doch weiterhelfen konnte:“ Ich kenne eine Frau Cornelia S., die hier bis vor kurzem gewohnt hat, die müsste in dem Alter Ihrer Corinna sein. Ich gebe Ihnen mal die Adresse und die Telefon-Nummer.“ Das tat sie und ich hatte die Hoffnung, dass ich nun tatsächlich alles getan hatte.

Am nächsten Tag, einem Samstag, erreichte ich Frau S. telefonisch, die mir bestätigte, dass sie Corinna tatsächlich seit vielen Jahren kenne, sie heiße inzwischen P. und habe drei inzwischen erwachsene Kinder.  Und endlich bekam ich auch Corinnas Telefon-Nummer.  Aber erst Montagabend erreichte ich sie: „Corinna, wie schön, nach fast 50 Jahren wieder einmal Deine Stimme zu hören!“ – „Hoyer, das ist ja fast nicht möglich, wie hast Du mich nach so langer Zeit gefunden?“ – „Ach, weißt Du, ich bin Archäologe geworden. Wir Archäologen untersuchen längst untergegangene Kulturen. Und unsere gemeinsame Vergangenheit in Hurdal ist doch eine Art untergegangener Kultur.“ Wir lachten beide, aber Corinna sagte: “ich muss Dir auch etwas Merkwürdiges erzählen. Vor 10 Jahren starb mein Mann. Ich wollte im Winter darauf eigentlich mit meiner Tochter Ski fahre, aber meine Tochter wollte nicht. Und so fragte ich im Freundeskreis, ob nicht jemand eine Gruppe kenne, der ich mich anschließen könne. So geriet ich an einen Hamburger Kreis von Skifahrern, mit denen ich nach Saas Fee /Schweiz fuhr. Abends im Restaurant saß ich einem älteren Mann gegenüber, der mich immer wieder ansah und sagte: „Corinna, Corinna, ich kenne nur eine Corinna in Hamburg. Wissen Sie, ich habe einmal in den 60er Jahren eine Kindergruppe nach Norwegen begleitet und eines der Mädchen hieß Corinna B.“ – „Ich bin Corinna B., heiße aber jetzt P.“ – „Und ich bin Erhard M.“

So hatte ich nicht nur Corinna wiedergefunden, sondern auch Erhard M., den ich anschließend auch gleich anrief. Und wieder war es das gleiche Erlebnis wie mit allen CISV-„Kindern“: wir verstanden uns sofort. Und entsprechend machten wir gleich ein Treffen in Hamburg aus, mit Corinna, Horst und Erhard. Ich informierte am selben Abend noch Horst von meiner Entdeckung– und natürlich Lassi. Wenige Tage später konnte Horst auch Amelie ausfindig machen, die längst verheiratet in Berlin lebt.

Am 25. September trafen wir „Deutschen“ – nur Amelie konnte leider nicht - uns in Hamburg, 49 Jahre nach unserer letzten Begegnung. Die praktische Corinna  schlug vor, als Erhard Meyer eintraf, dass wir uns alle duzen sollten. Das taten wir sofort und es war einfach unbeschreiblich: Da saßen wir, die wir uns doch alle kaum kannten, und hatten uns ganz viel aus alter Zeit zu erzählen, zu fragen und auszutauschen. Alle hatten einen Ordner oder Bildbände mitgebracht. Den dicksten Ordner hatte naturgegeben Erhard mit, dazu noch alle von unseren Eltern unterschriebenen Badeerlaubnisse. Und sogar „unsere“ Fragebögen zur Vorbereitung unserer CISV-Tauglichkeit. Was haben wir gelacht, als wir lasen, dass wir alle auf die Frage: Wohin möchtest Du am liebsten reisen? – Norwegen, eingetragen hatten.

Bei diesem Treffen sprachen wir auch über meine und Lassis Idee, nach 50 Jahren ein Treffen möglichst vieler „Kinder“ von damals in Berlin zu organisieren.

Dass dieser Nachmittag einzigartig werden würde, erfuhren wir von Corinna sechs Wochen später: Erhard Meyer war für, uns ganz plötzlich, gestorben. Da Corinna von seinem Tod erst am Tag vor der Beerdigung erfuhr, war sie als Einzige von uns bei derTrauerfeier. Die Nachricht hat uns alle tief geschockt – und wie dankbar waren wir alle, dass wir das Treffen vorher noch hatten erleben dürfen.

Seitdem sitzen wir an den Vorbereitungen für ein Treffen der Hurdal-Teilnehmer 1966 vom 1. - 3. Juli 2016, also 50 Jahre danach. Die Zahl der Zusagen steigt momentan noch…

 

Bonn, den 14.2.2016                        Hans-Hoyer v. P.

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Hurdal Delegation 2015
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